Mount Graham - Heiliger Berg der Apachen
Ursprünglich aus dem Norden kommend siedelten sich die Apachen etwa
Mitte des 15. Jahrhunderts im Südwesten des nordamerikanischen Kontinents
an. Dort leben sie noch heute, der Ausrottungspolitik der weißen Eroberer
zum Trotz u. a. in den Reservaten White Mountain und San Carlos im
Südosten des US-Bundesstaates Arizona.
Einer der bekanntesten Vertreter des Volkes der Apachen war Geronimo,
der sich mit seinen Kriegern erst 1886 den weißen Eroberern ergab.
Wie
andere Völker auch haben die Apachen in ihrer kulturellen und religiösen
Tradition heilige Orte, die ihnen sehr wichtig sind, die sie auch
heute noch für ihre Zeremonien nutzen, an denen ihre Medizinmänner
und -frauen beten, wo sie wichtige Kräuter für Heilzeremonien finden.
Der Mount Graham – in der Sprache der Apachen „Dzil Nchaa Si An“ (der
Große sitzende Berg) –, südlich von San Carlos gelegen, über 3000
m hoch, ist ein solch heiliger Ort. Ürsprünglich zur San Carlos Reservation
gehörend, wurde er 1873 aus der Reservation ausgegliedert. Für die
Apachen ist er ein lebendiges Wesen, dem sie ihre Identität verdanken,
dessen Berggeister ihre Medizinmänner unterwiesen und auch heute noch
anleiten, und dem sie somit tiefe Verehrung entgegenbringen. Archäologische
Funde erbrachten den Nachweis, daß ihre Vorfahren den Berg auch als
Begräbnisstätte nutzten.
Daneben stellt der Mount Graham ein besonderes Ökosystem dar, das
in der Welt als einzigartig gilt. Vom Fuß des Berges bis in seine
Gipfelregion erstrecken sich 5 Klimazonen. Der Berg ist Heimat seltener
Pflanzen- und Tierarten nur hier findet man noch das Graham
Rothörnchen seine Gipfelregion steht deshalb unter Naturschutz.
Seit 1988 wird jedoch in ebendieser Gipfelregion des Mount Graham
ein gigantisches Teleskopprojekt, initiert von der Universität von
Arizona, realisiert. Zu ihren Projektpartnern zählen die deutsche
LBT-Beteiligungsgesellschaft - welcher die Max-Planck-Institute Heidelberg,
Garching und Bonn, die Landessternwarte Heidelberg und das Astrophysikalische
Institut Potsdam angehören -, das italienische staatliche Arcetri-Institut
und der Vatikan. Von 18 geplanten Teleskopen und bisher drei genehmigten,
wurden zwei Teleskope bereits fertiggestellt und in Betrieb genommen:
eines vom Vatikan und eines vom deutschen Max-Planck-Institut für
Radioastronomie Bonn.
An der Realisierung des dritten, wesentlich größeren Teleskopes,
des Large Binocular Telescope (LBT), wirkt die MPG mit, federführend ist
hier das Astrophysikalische Institut Potsdam. Darüberhinaus entschied
sich der Rat Deutscher Sternwarten (RDS) im November 1995 ungeachtet
der Proteste unterschiedlicher Projektgegner für eine Beteiligung.
U. a. ist auch das Astrophysikalische Institut Potsdam Mitglied im
RDS, was den Schluß nahelegt, daß mit Hilfe des RDS der Beteiligung
deutscher Institute am Teleskopprojekt größeres Gewicht verliehen
werden sollte. (Nach unseren Informationen gehört das Astrophysikalische
Institut Potsdam zu den förderungswürdigen Forschungseinrichtungen
und hat somit Anspruch auf öffentliche Gelder für ausgewählte Projekte,
die wiederum durch das Bundesforschungsministerium bewilligt werden.)
Um den Bau der Teleskope im US-Kongreß durchzubringen, wurden von
den Projektbefürwortern, allen voran die o. g. Universität von Arizona,
wichtige Gesetze (Umweltschutz, Schutz bedrohter Tierarten, Recht
zur freien Religionsausübung der Indianer) trickreich ausgehebelt
bzw. durch Ausnahmeregelungen außer Kraft gesetzt.
Von
Beginn an setzten sich die San Carlos Apache gegen den Bau der Teleskope
zur Wehr. Sie erhielten Unterstützung durch andere indianische Stämme,
stammesübergreifende indianischen Organisationen sowie durch zahlreiche
Umweltschutzorganisationen der USA. 1990 wurde die Apache Survival Coalition (ASC) von der Apachin Ola Cassadora Davis
gegründet, um den Widerstand wirksamer zu gestalten. Hinzu kam eine
zweite Organisation, „Apache for Cultural Preservation“ (AFCP), ins
Leben gerufen von Wendsler Nosie und Ernest Victor jr., zwei ehemaligen
Stammesratsmitgliedern.
Zahlreiche Resolutionen des Stammesrates sowie eine Petition des
Rates der Medizinmänner und -frauen wenden sich eindeutig gegen das
Teleskop-Projekt; sie geben die Meinung der Mehrheit der San Carlos
Apachen wieder. Im Zusammenhang mit dem Protest gegen die Teleskope
auf ihrem heiligen Berg haben die Apachen sogar ihren Grundsatz durchbrochen,
wonach religiöse Angelegenheiten nicht in der Öffentlichkeit besprochen
werden.
Anfänglich am Projekt interessierte nordamerikanische Partner, wie
z. B. Havard University, Michigan State University, University of
Toronto u. a. sind auf Grund des großen Druckes durch den Widerstand
der Apachen und der Umweltschützer und nach Bekanntwerden der unlauteren
Methoden, mit denen dieses Projekt durch den Kongress gebracht wurde,
ausgestiegen.
Speziell unter dem Aspekt deutscher Beteiligung am Bau der Telskope
auf dem Mount Graham unterstützt unser Verein gemeinsam mit anderen
Gruppen in Deutschland und Europa den Protest der Apachen. So wurden
z. B. im Sommer 1995 im Rahmen einer Briefaktion alle Mitglieder des
Rates Deutscher Sternwarten aufgefordert, sich gegen eine Beteiligung
am LBT zu entscheiden. Anfang November 1995 organisierten wir eine
Protestkundgebung vor dem Physikgebäude der technischen Universität
Berlin (Sitz des Institutes für Astronomie und Astrophysik, welches
ebenfalls Mitglied im RDS ist.)
Nachdem zwischenzeitlich einige Entwicklungen in Sachen Teleskop-Projekt
für die Projektgegner nicht gut verliefen gab es im November 1997
einen kleinen Hoffnungsschimmer: US-Präsident Clinton stoppte mit
Hilfe seines Veto-Rechtes Gelder in Höhe von 10 Mio. Dollar, die vom
Kongreß bereits für astronomische Projekte bewilligt worden waren.
Ein Großteil davon war für das LBT vorgesehen. Clinton begründete
sein Veto u. a. damit, daß das LBT Techniken anwenden würde, die z.
B. in einem Obersavatorium auf Hawai bereits vorhanden sind. Der Stammesrat
der Apachen hat diese Nachricht positiv aufgenommen.
Auch in Italien findet der Protest der Apachen gegen das Teleskopprojekt
breite Unterstützung. 1998 unterzeichneten 83 Abgeordnete des italienischen
Parlamentes einen Antrag an ihre Regierung, das Large Binocular Teleskope
nur dann mitzufinanzieren, wenn ein anderer Standort als der Mount
Graham gewählt wird.
Im März 1999 appellierte der Stammesrat der San Carlos Apache erneut
an die Regierungen Deutschlands und Italiens, sich aus der Finanzierung
des Observatoriums-Projektes auf dem Mount Graham zurückzuziehen.
Im April 1999 bereiste Wendsler Nosie Deutschland und Italien, um
die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, daß traditionelle und religiösen
Belange der Apache nach wie vor nicht beachtet werden. Er machte deutlich,
daß der Widerstand der Apache ungebrochen ist, daß ihr Ziel - Stopp
des Projektes und Abbau bereits fertiggestellter Anlagen - nach wie
vor besteht. Eines seiner Hauptanliegen in Deutschland war es, Parlamentarier
zu treffen und sie für die Gründe des Widerstandes der Apachen zu
sensibilisieren, um ähnlich wie in Italien, Möglichkeiten parlamentarischer
Unterstützung zu erschließen.
Seit 1992 organisiert Wendsler Nosie gemeinsam mit Freunden von AFCP
und ASC jährlich einen Sacred Run einen Heiligen Lauf ,
der von der San Carlos Reservation zum Gipfel des Mount Graham führt.
An diesem Lauf, der den Protest der Apachen gegen das Teleskop-Projekt
unterstreichtl, beteiligen sich Angehörige anderer Stämme und Unterstützer
aus europäischen Ländern.
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