![]() |
Indianerpolitik in den USAUnterdrückung und Verfolgung seit mehr als 200 Jahre Vorwort Die Beziehungen zwischen den Indianern und den USA befinden sich in einem fortwährenden Wandel und sind nach wie vor den politischen Zwängen der jeweiligen Zeit unterworfen. In der Regel versuchte die Regierung in Washington die Souveränität der einzelnen Indianervölker einzuschränken, um damit gleichzeitig ihre eigene Macht zu stärken. Von dem einstigen Land, das von den Ureinwohnern Nordamerikas bei der Ankunft von Kolumbus im Jahre 1492 bevölkert gewesen war, sind in den USA heute nur noch 2,3% übriggeblieben. Vor allem im letzten Jahrhundert, als die Vereinigten Staaten sich als Nation etablierten, setzte eine verheerende Gier nach Indianerland ein. Die Gründung der USA Im Jahre 1763 verkündete Georg III von England in seiner "Royal Proclamation", dass die Indianer einen uneingeschränkten Anspruch auf das von ihnen bewohnte Land besäßen. Gleichzeitig wurden die Appalachen zur Grenze erklärt, welche das "Indianergebiet" im Westen von den Siedlungen der Weißen im Osten trennte. Durch die "Northwest Ordinance" (Nordwest-Verordnung) von 1787 bekräftigten die USA ihr damaliges Verhältnis zu den indianischen Völkern ("Das stets gute Vertrauensverhältnis gegenüber den Indianern soll immer gewährleistet bleiben; ihr Land und ihr Besitz soll ihnen niemals ohne ihre Zustimmung weggenommen werden"). Nach dem Unabhängigkeitskrieg gegen die englische Krone waren die
Vereinigten Staaten von Amerika noch zu schwach, um sich ernsthaft
mit den Indianern auseinandersetzen zu können. Erst die endgültige
Niederlage der Engländer im Jahre 1812 machte den Weg frei für eine
neue Indianerpolitik der USA. Die Zeit des »Indian Removal« Damit sahen sich die Indianer mit einer dramatischen Veränderung in der Politik der Vereinigten Staaten konfrontiert. Bereits 1806 begannen die ersten Umsiedlungen der Ureinwohner. Obwohl meist Verträge zwischen den Indianern und der Regierung in Washington die Grundlage für solche Aktionen bildeten, kann keineswegs von einem "freiwilligen" Verlassen der Heimatgebiete der Indianer ausgegangen werden. In den meisten Fällen hatten die Indianer keine andere Wahl, da ihnen ansonsten militärische Strafaktionen drohten. Abgelöst wurde diese Vorgehensweise durch den "Indian
Removal Act" (Gesetz zur Umsiedlung der Indianer) von 1830. Mit
dieser "gesetzlichen" Grundlage hatte die USA jetzt die
Möglichkeit, die Indianer jederzeit nach eigenen Vorstellungen umzusiedeln,
ohne die Betroffenen fragen zu müssen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten
bereits 50 Völker ihr angestammtes Heimatland verlassen müssen. Bereits nach fünf Jahren konnte der damalige amerikanische Präsident und als "Indianerhasser" bekannte Andrew Jackson befriedigt feststellen, dass es, von wenigen Ausnahmen abgesehen, in der östlichen Hälfte der Vereinigten Staaten keine Indianer mehr gab. Mit der Aufsicht der Umsiedlungsaktionen wurde das am
11.3.1824 im Kriegsministerium geschaffene "Office of Indian
Affairs", (Büro für Indianerangelegenheiten) beauftragt. Im Jahre
1849 wurde diese Behörde in das Innenministerium verlagert und heißt
seit dieser Zeit "Bureau of Indian Affairs" (BIA). Sie machten uns viele Versprechungen, mehr als ich aufzählen kann. Sie haben niemals eine gehalten, bis auf diese: Sie versprachen, unser Land zu nehmen, und sie haben es genommen. Red Cloud, Häuptling der Oglala-Lakota Doch kaum hatten sich die zwangsweise umgesiedelten
Stämme in den Gebieten niedergelassen, waren sie wiederum der amerikanischen
Expansion nach Westen im Wege. Nachdem sich das Gebiet der USA nach
ihrem Krieg mit Mexiko Mitte des letzten Jahrhunderts erneut deutlich
vergrößert hatte und darüber hinaus in Kalifornien Gold gefunden worden
war, setzten die Amerikaner ihren Weg nach Westen weiter fort. Die Situation in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts Um die eigene Macht über die Indianer noch mehr auszudehnen, verabschiedete der amerikanische Kongress im Jahre 1871 der "Indian Appropriations Act" (Aneignungsgesetz) und beendete die über 100jährige Periode der Vertragsabschlüsse mit den Indianern. Damit wurde den bis dahin als souveräne Völker anerkannten Indianerstämmen dieser Status einseitig durch die Vereinigten Staaten aberkannt, und man machte die Ureinwohner gleichzeitig zum Spielball der amerikanischen Gesetzgebung. Das Änderungsgesetz besagt aber auch, dass sämtliche bis zum 3.3.1871 mit den verschiedenen Indianervölkern abgeschlossenen Verträge weiterhin ihre Gültigkeit behalten sollten. Mit dieser Aussage sind alle bis dahin abgeschlossenen und vom US-Kongress ratifizierten Abkommen mit den Indianern völkerrechtlich nach wie vor bindend. Allerdings hatten die USA mit den nach 1871 verabschiedeten Vorschriften und Verordnungen diese Verträge verwässert oder zu ihren Gunsten umgedeutet. Diese Politik der einseitigen Vertragsveränderungen ist daher bis heute noch vielfach Anlass zum Streit zwischen den Indianern und der Bundesregierung in Washington. Viele Stämme beharren nach wie vor auf die Einhaltung der ursprünglichen Verträge. General Allotment Act Ausgehend von dem Gedanken, dass die Ureinwohner in die amerikanische Gesellschaft eingeliedert werden müssten, und der Tatsache, dass Gemeineigentum an Land, so wie es die Indianer kannten, den nach individueller Freiheit strebenden Amerikanern suspekt war, ging man mit dem "General Allotment Act" dazu über, das bis dahin dem einzelnen Stamm gehörende Land an seine Bewohner aufzuteilen. Hauptziel des Gesetzes war es, die Indianer zu Farmern zu erziehen. Jedes Familienoberhaupt bekam nach diesen Bestimmungen 64 ha Land (1 ha = 10.000 m2), jeder Alleinstehende 32 ha, und jeder Jugendliche unter 18 Jahre hatte Anspruch auf 16 ha. Der Eigentumstitel der Indianer an dem jeweiligen Grund und Boden sollte nach den Vorstellungen des Gesetzgebers erst nach 25 Jahren übertragbar sein. Bis dahin blieb das Land Eigentum der einzelnen Familien, wurde aber vom Büro für Indianerangelegenheiten verwaltet. Das bei dieser Aufteilung übriggebliebene Reservationsland wurde vom BIA meist an Weiße recht preiswert verkauft. Dadurch gingen den Indianern noch einmal ein Großteil ihres bisherigen Gebietes verloren. Da die meisten Ureinwohner die Umstellung vom Jäger zum Farmer nicht schafften, mussten viele von ihnen nach Ablauf der 25-Jahres-Frist aus wirtschaftlicher Not ihr Land aufgeben. Verstärkt wurde dieser Prozess noch durch die Tatsache, dass sich vielfach der den Indianern übereignete Grund und Boden nicht zur Landwirtschaft eignete. Der Verkauf des Eigentums wurde ebenfalls von der Indianerbehörde
vorgenommen. Dadurch verloren die Indianer bis 1932 noch einmal rund
2/3 ihres Landes. Auf Grund des im Jahre 1928 veröffentlichten "Meriam Reports" wurde der Regierung in Washington klar, welches furchtbare Ausmaß der "General Allotment Act" für die Betroffenen angenommen hatte. Um dieses Elend zu beseitigen, waren Reformen unbedingt notwendig. Der »New Deal« Weiterhin durften die Reservationsbewohner ihre eigene Regierung und ihr eigenes Parlament nach den Vorstellungen des demokratischen Amerikas wählen, auch konnten sie sich eine eigene Verfassung geben. Allerdings wurde damit gleichzeitig das alte Häuptlingssystem abgeschafft. Gerade dieser Punkt führte bei vielen Ureinwohnern zur Skepsis und Ablehnung gegenüber den Neuerungen, hatten sie doch in der Vergangenheit immer wieder schlechte Erfahrungen mit den Versprechungen der Regierung machen müssen. Die Befürchtung, dass sie wiederum einen Teil ihrer Identität aufgeben müssen, war sehr groß. So gab es gerade in den Anfängen auf vielen Reservationen neben der neuen Regierungsform noch das traditionelle System. Heute findet man allerdings immer mehr auch traditionell eingestellte Indianer, die Positionen innerhalb des Stammesrates bekleiden. Diese neue Form der Selbstverwaltung und Eigenständigkeit war aber durch das Vetorecht der Bundesregierung nach wie vor an das Wohlwollen der Amerikaner geknüpft; Entscheidungen waren nur im Einverständnis mit dem Büro für Indianerangelegenheiten wirksam. Erstmals war es jetzt den Indianern möglich, innerhalb des BIA eine Arbeit zu erhalten. Auch stellte die US-Regierung Gelder für landwirtschaftliche und industrielle Projekte zur Verfügung. Diese positiven Ansätze einer veränderten Indianerpolitik waren jedoch nicht von langer Dauer. Bereits 1941 begann sich der alte Geist der Indianerpolitik wieder durchzusetzen. Die »Indian Claims Commission« Bereits nach kurzer Zeit war offensichtlich, auf welchem unsicheren Boden die Vereinigten Staaten von Amerika gebaut worden waren. Die von der Regierung eingesetzte Kommission musste eine Landforderung nach der anderen anerkennen. Es ist schon eine brisante Vorstellung, wenn man bedenkt, dass den Ureinwohnern in einigen Bundesstaaten ( z.B. Kalifornien und Florida) teilweise bis zu 80% des Landes zugesprochen worden sind. Die zunehmende Zahl der von der Indian Claims Commission anerkannten Landrechtstitel und die immer stärker werden konservativen Kräfte in den USA führten Anfang der 50er Jahre wieder zu der Forderung, die Indianer stärker in die weisse Gesellschaft zu integrieren. Termination Ebenfalls fielen die den Reservationsbewohnern gewährten Vergünstigungen weg. Allerdings wurde hierbei wohlwollend übersehen, dass diese "Vergünstigungen" vertragliche Verpflichtungen der Vereinigten Staaten darstellten, die als Gegenleistung zu Landabtretungen an die USA den Indianern zu erbringen waren. Vor allem die Programme im sozialen und Bildungsbereich waren Opfer dieser Resolution. Diese Politik hatte für die betroffenen Indianer katastrophale Folgen. Sie verloren nicht nur ihre im geringen Maße vorhandene Eigenständigkeit, sondern noch nahezu ihr gesamtes Reservationsland. Damit wurde ihnen ihre bisherige Lebensgrundlage fast vollständig entzogen. Vor allem in den stark konservativen Bundesstaaten, wie z.B. Kalifornien (der Grund ist auch in den von der Indian Claims Commission anerkannten enormen Landansprüchen zu suchen) führte dies zur fast vollständigen Auflösung der noch vorhandenen Indianerlandes und zur "Stadtflucht" seiner Bewohner. In der Zeit von 1954 bis 1962 kam es so zur Auflösung von mehr als 100 Stämmen. Das allgemeine Elend und die Verzweiflung der Indianer nahmen zu und schlugen allmählich in einen immer massiver werdenden Widerstand der Betroffenen um. Der Weg zu mehr Souveränität Dieser neue Umgang der amerikanischen Regierung mit den Indianern führte dann auch durch Präsident Nixon 1970 offiziell zur Beendigung der Terminationspolitik. Die Politik der gewaltsamen Beendigung (Termination) der Beziehungen zwischen den Indianern und der US-Regierung ist falsch. Die besonderen Beziehungen zwischen den Indianern und der Bundesregierung sind das Ergebnis offizieller Verpflichtungen, die durch die US-Regierung eingegangen worden sind. Diese zu beenden ist unpassend. Vielmehr kann und muss die Selbstbestimmung der Indianer gestärkt werden. Dies muss Ziel einer jeden neuen nationalen Politik gegenüber den Indianern sein. Präsident Nixon am 8.7.1970 In der Folgezeit entwickelte sich eine konstruktive
Beziehung zwischen den Indianern und der Regierung der Vereinigten
Staaten. In den 70er Jahren wurden dann auch einige für die Ureinwohner
wichtige Gesetze erlassen. Ein weiterer positiver Meilenstein in der Entwicklung der Beziehung zwischen Bundesregierung und der indigenen Bevölkerung war die Verabschiedung des "Indian Self-Determination and Education Assistance Act" im Jahre 1975. Es ermächtigte die verschiedenen Behörden (insbesondere die für Schulwesen, innere Angelegenheiten und Gesundheitswesen zuständigen Stellen), direkt mit den einzelnen Stammesregierungen über entsprechende Programme zu verhandeln und nicht, wie bis dahin üblich, mit dem Büro für Indianerangelegenheiten. Weiterhin sah dieses Gesetz vor, dass das BIA bestimmte Aufgaben per Kontrakt an die Stammesregierungen abgeben sollte, sofern diese es wünschten, und die dafür notwendigen finanziellen Mittel zur Verfügung gestellt wurden. So sind, heute auf fast allen Reservationen Polizei und Gerichte, sowie Sozial- und Gesundheitswesen (neuerdings auch Wohnungsbauprogramme) Angelegenheit des jeweiligen Stammes. Allerdings kommen die Gelder dafür weiterhin aus Washington, und diese Tatsache bringt immer wieder kontroverse Diskussionen mit sich. Der 1976 verabschiedete "Indian Health Improvement
Act" sieht die Verbesserung der medizinischen Versorgung der
Reservationsbewohner vor und regelt die Ausbildung von Indianern auf
dem Gebiet des Gesundheitswesens. Der "American Indian Religious Freedom Act" stellte Grundsätze zum Schutz und zur Erhaltung traditioneller Religionsformen der Indianer auf. Gerade in einer Zeit der Wiederbesinnung auf die eigenen Traditionen und Werte spielt diese Vorschrift bei den Indianern eine wichtige Rolle. Wie geht es weiter? Ebenfalls ist festzustellen, das der Einfluss von Industrie und konservativen Kräften aus dem Kongress wieder zunimmt. So tragen einige Gesetzesvorlagen wieder die Handschrift der alten Indianerpolitik und verhindern so die Fortführung eines guten Ansatzes für eine bessere Beziehung zwischen den Indianern und den Vereinigten Staaten. Die wertvollen Bodenschätze auf den Reservationen stehen gerade im Zeitalter immer knapper werdender Ressourcen auf der Liste der indianerfeindlichen Industriekonzerne ganz weit oben. Schätzungen gehen davon aus, dass sich unter dem Boden der Reservationen (sie machen nur noch 2,3% der Fläche der USA aus) z.B. 70% der Uran-, sowie 25% der Kohle- und Ölvorkommen befinden. Eine Tatsache, die Schlimmes erahnen lässt, da bereits jetzt schon sichtbar ist, mit welcher Macht Unternehmen auf das Indianerland drängen und sich dabei der Unterstützung der Behörden sicher sein können. Aus diesem Grunde bietet der positive Ansatz einer besseren Indianerpolitik keinen Grund für eine optimistische Zukunftsaussicht. Vielmehr ist zu befürchten, dass sich zumindest in einigen Bereichen die Zeiten für die Indianer wieder verschlechtern. Solange die Ureinwohner nicht selbst vollständig über ihr eigenes Schicksal bestimmen können und sie weiterhin auf das Wohlwollen der jeweiligen US-Regierung angewiesen sind, wird sich eine dauerhafte Eigenständigkeit nicht ergeben. |
![]() |