Die Lebensbedingungen
der Indianer in den USA
Wenn man an Amerika denkt, fallen einem Wolkenkratzer, Straßenkreuzer
und Millionäre ein. Sicherlich trifft diese Vorstellung auch auf einen
Teil der USA zu, keinesfalls jedoch ist dies das Erscheinungsbild
einer Indianer-Reservation in den Vereinigten Staaten. Rund 500 Jahre
nach der Entdeckung durch Kolumbus hat sich die Kultur
und Lebensweise der Ureinwohner des Kontinents erheblich verändert.
Heute stellen die Indianer nur noch rund 2% der Bevölkerung in den
USA dar, und lediglich knapp 3% des ihnen früher ganz gehörenden Landes,
verteilt auf 267 Reservationen, ist heute noch »Indianerland«.
Waren sie in früheren Zeiten als Ackerbauern, Sammler oder Jäger
unabhängig und konnten sich selbst ernähren, so hat sich durch das
immer weitere Vordringen des Weißen Mannes nach Westen
ihre Lebensgrundlage erheblich verändert.
Wie nun sieht die heutige Situation auf den meisten Indianerreservationen
in den USA aus? Obwohl die Vereinigten Staaten von Amerika zu den
reichsten Industrieländern der Welt gehören, zählen die Wohngebiete
der Indianer eher zu den Dritte-Welt-Ländern. Bei den
letzten beiden Volkszählungen in den Jahren 1980 und 1990 war der
Bezirk Shannon auf der Pine Ridge Reservation im Bundesstaat Süd-Dakota
die ärmste Gemeinde auf dem Gebiet der USA. Bei etwa gleichen Lebenshaltungskosten
wie in der BRD betrug das Pro-Kopf-Einkommen dort rund 5.200 DM pro
Jahr, obwohl hierbei auch weiße Bewohner (z.B. Farmer), die auf der
Reservation wohnen, mitgezählt worden sind. Rund 60% aller indigenen
Bewohner auf Pine Ridge leben unterhalb der vom Staat festgesetzten
offiziellen Armutsgrenze. Daß dies kein Einzelfall ist, zeigen auch
die Zahlen aus Reservationen in anderen Landesteilen der Vereinigten
Staaten: Auf der in New Mexico gelegenen Santo Domingo Pueblo Reservation
leben zum Beispiel 75% aller Bewohner unterhalb dieser Armutsgrenze.
Ähnliche Statistiken ergeben sich bei den Arbeitslosenzahlen. Die
Quote der ohne Beschäftigung lebenden arbeitsfähigen Indianer beträgt
bis zu 80%, teilweise liegt die Zahl sogar noch höher (z.B. liegt
sie auf der Rosebud Reservation bei 86%). Auf der Pine Ridge Reservation
hat in jedem dritten Haushalt keine der dort lebenden Personen eine
Beschäftigung. Hierbei handelt es sich um Angaben des staatlichen
Büros für Indianerangelegenheiten. Viele Vertreter der Stammesregierungen
gehen davon aus, daß diese Zahlen noch zu niedrig angesetzt sind.
Wirtschafts- und Industrieansiedlungen gibt es auf den Indianergebieten
so gut wie gar nicht, und wenn doch werden die Gewinne außerhalb der
Reservation investiert. Vielfach siedeln sich jene Industrien dort
an, die wegen ihrer Umweltbelastung oder sonstigen Gefahren für die
Anwohner im übrigen Land keinen Standort gefunden haben (Foto unten:
Mohave-Kohlekraftwerk, welches Kohle aus dem Big Mountain-Gebiet verarbeitet).
So finden z.B. rund 80% der Aktivitäten der Nuklearindustrie auf oder
am Rande der Reservationen statt.
Die Einkünfte der Indianer stammen größtenteils aus Wohlfahrtsprogrammen
der US-Regierung oder aus Tätigkeiten in der Verwaltung (Stammesrat,
Büro für Indianerangelegenheiten, Schulen, Krankenhäuser), wobei die
Mittel dafür ebenfalls aus Washington kommen. Jedoch haben sich hier
Budgetkürzungen, vor allem in den letzten Jahren, überdurchschnittlich
ausgewirkt und machen die Abhängigkeit der Indianer von Bundesmitteln
besonders deutlich.
Eine ebenfalls desolate Situation ergibt sich für die Urbevölkerung
Nordamerikas wenn man sich einmal ihre Unterkünfte ansieht: Fast alle
Häuser werden vom Staat über besondere Programme gebaut. Diese Behausungen
sind genormt, vorfabriziert und in der Regel aus Holz. Rücksicht auf
traditionelle Wohnformen der jeweiligen Kultur der Indianer wird nicht
genommen. Lediglich im Südwesten der USA konnte sich bei den Pueblo-Indianern
die althergebrachte Art des Wohnens vielfach noch bis in die heutige
Zeit behaupten.
Bei den staatlich gebauten Häusern wird auch den unterschiedlichen
klimatischen Verhältnissen keinerlei Beachtung geschenkt. Egal ob
sie im Norden aufgestellt werden, wo winterliche Temperaturen von
teilweise unter -30° C anzutreffen sind, oder im sommerlich heißen
Südwesten, wo die Temperaturen häufig 30-40° erreichen, die Häuser
sind immer im gleichen Stil erbaut.
Obwohl durch den Staat errichtet, entsprechen rund zwei Drittel aller
Häuser nicht den gesetzlichen Mindestanforderungen: Häufig befinden
sich die Toiletten im Freien, fließend Wasser zum Trinken oder eine
Waschgelegenheit gibt es im Hause nicht. So liegt zum Beispiel bei
fast der Hälfte der Navajo- und Hopi-Haushalte das täglich benötigte
Wasser mehr als 100 m vom Haus entfernt. Teilweise müssen die Indianer
einen Weg von 30-40 km bewältigen, um an einen Wassertank der Gemeinde
zu gelangen. Durch die schlichte Bauweise sind die Häuser oft schon
nach wenigen Jahren reparaturbedürftig, Geld für die notwendige Instandhaltung
oder -setzung fehlt den meisten Indianern.
Auch auf dem Gesundheitssektor sind die indigenen Völker der USA
benachteiligt. Ärzte lassen sich auf den Reservationen kaum nieder.
Die Regierung in Washington ist daher gezwungen, die medizinische
Versorgung durch entsprechende Programme sicherzustellen. Auch hierbei
handelt es sich in der Regel nur um eine Versorgung, die eher schlecht
als recht ist. So muß man z.B. teilweise bis zu 150 km fahren, um
das nächste Krankenhaus zu erreichen. Schwierige Erkrankungen können
nur in den meist sehr weit entfernten Kliniken der Großstädte behandelt
werden. Da das notwendige Geld für die Anreise fehlt, bedeutet dies
für den Kranken oft eine wochen- oder monatelange Trennung von seiner
Familie. Durch die unzureichende medizinische Versorgung der Indianer
sind auch ihre Lebenserwartungen wesentlich schlechter als die der
übrigen Bürger der USA. Im Bundesstaat Washington z.B. lag 1985 die
Chance für einen Indianer, älter als 65 Jahre zu werden, bei 0,5%.
Das Durchschnittsalter der Reservationsbewohner liegt heute bei 19,7
Jahren, das der weißen Amerikaner bei 31,5 Jahren.
Gleiches ergibt sich bei der Gegenüberstellung verschiedener Krankheitsbilder.
So ist die Säuglingssterblichkeit und die TBC-Erkrankung bei den Ureinwohnern
noch immer am höchsten im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen.
Für einen Lakota (bei uns eher als Sioux bekannt) ist
die Gefahr einer TBC-Erkrankung 30-60mal höher als für einen durchschnittlichen
US-Bürger.
In den letzten Jahren sind auch die sogenanten Zivilisationskrankheiten
(Herzerkrankungen, Leberzirrhose, Diabetes) rapide angestiegen. So
beträgt der Anteil der Reservationsbewohner, die an Diabetes erkrankt
sind, das Zehnfache des Landesdurchschnitts. Dies hängt mit der einseitigen
Ernährung und der Armut auf den Reservationen zusammen. Durch die
meist isolierte Lage der Gebiete wird dort kaum frisches Obst oder
Gemüse angeliefert und wenn doch, ist es für die Reservationsbewohner
kaum zu bezahlen. Viele von ihnen greifen daher auf billige Produkte
zurück, die sehr stärke- und fetthaltig sind und kaum Nährstoffe enthalten.
Dadurch sind viele Indianer auch zu dick und wirken wohlgenährt. Allerdings
hat dies mit einer ausreichenden Ernährung nichts zu tun.
Die offiziell festgehaltenen Statistiken ihrer Lebenserwartung, des
Gesundheitszustandes, der Einkommens- und Wohnverhältnisse sowie der
Arbeitslosenrate zeigen, daß die Indianer nach wie vor die am meisten
benachteiligte ethnische Gruppierung in den Vereinigten Staaten sind
und sich die Lage auf einer Indianerreservation eher mit der in einem
Dritte-Welt-Land vergleichen läßt.
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